Ladesäulen-Auslastung 2026: Was „12 Prozent“ und „+30 Prozent“ wirklich bedeuten
📅 Veröffentlicht am 29. Oktober 2026
Stand der Angaben: 29.10.2026. Grundlage sind Berichte von ecomento.de (29.09. und 01.10.2026), der Deutschen Presse-Agentur über zfk.de (30.09.2026) und auto motor und sport zum BDEW-Elektromobilitätsmonitor (Quellen am Ende). Viele Betreiberangaben sind relative Veränderungen ohne veröffentlichte Basiswerte; wir weisen jeweils darauf hin. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung und keine Prognose.
Zwei Meldungen scheinen sich zu widersprechen: Einerseits heißt es, öffentliche Ladepunkte seien 2025 im Schnitt nur zu rund 12 Prozent gleichzeitig belegt gewesen. Andererseits melden Betreiber wie Vattenfall und EWE 2026 deutliche Zuwächse bei der Nutzung. Beides kann stimmen – es misst unterschiedliche Dinge und bezieht sich auf unterschiedliche Zeiträume. Dieser Artikel sortiert, was die Quellen tatsächlich belegen, wie man die Zahlen lesen sollte und was sie für dich an der Ladesäule bedeuten (und was nicht).
Die Ausgangslage: viel Infrastruktur, niedrige durchschnittliche Belegung
Laut Elektromobilitätsmonitor des BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft), den auto motor und sport zitiert, gab es zum Jahresende 2025 rund 200.000 öffentliche Ladepunkte mit mehr als neun Gigawatt installierter Ladeleistung. Im Durchschnitt des Jahres 2025 waren diese Ladepunkte nur zu rund zwölf Prozent zeitgleich belegt. Die Deutsche Presse-Agentur (über zfk.de) berichtet dieselbe Größenordnung und gibt den BDEW-Schluss wieder: Der Ausbau der Ladeinfrastruktur liege deutlich vor dem Hochlauf vollelektrischer Pkw.
Wichtig für das Verständnis ist die Definition. „Zeitgleich belegt“ bedeutet: Zu einem beliebigen Zeitpunkt war im Schnitt etwa jeder achte Ladepunkt in Benutzung. Rechnet man mit den genannten Rundwerten, entspricht das bei rund 200.000 Ladepunkten rechnerisch etwa 24.000 gleichzeitig belegten Punkten (12 % × 200.000 – eine reine Überschlagsrechnung aus den zwei zitierten Zahlen, kein Messwert). Die Quelle nennt keine genaue Messmethodik und keinen Erhebungszeitraum im Detail; ebenso wenig unterscheidet der Bericht nach Wechselstrom (AC) und Gleichstrom (DC).
Zur Begriffsklärung (dpa/zfk): Eine Ladesäule kann mehrere Ladepunkte haben; an einem Ladepunkt lädt jeweils nur ein Fahrzeug. Zahlen zu „Ladesäulen“ und zu „Ladepunkten“ sind deshalb nicht direkt vergleichbar. So nennt ecomento unter Berufung auf die Bundesnetzagentur (Stand Anfang August 2026) 118.062 Ladestationen in Deutschland, ein Plus von 16 Prozent binnen eines Jahres, bei einer Gesamtleistung von 9,2 Millionen Kilowatt (plus 26 Prozent). Unseren Artikel zum Ladenetz in Deutschland findest du mit den Ladepunkt-Zahlen der Bundesnetzagentur; beide Größen betreffen dasselbe Netz, zählen aber unterschiedlich.
Was Betreiber 2026 melden
Die folgenden Angaben stammen von den Unternehmen selbst und wurden von Medien wiedergegeben. Sie sind Selbstauskünfte und nicht unabhängig geprüft.
- Vattenfall (InCharge): Laut ecomento vom 29.09.2026 wurde seit Jahresbeginn rund 65 Prozent mehr Energie geladen als im Vergleichszeitraum – der bislang höchste Wert im deutschen InCharge-Netz. Beim Schnellladen wurden bis Ende August 2026 mehr als 10 GWh geladen, was laut Vattenfall rund 55 Millionen gefahrenen Kilometern entspricht; der Gesamtwert des Jahres 2025 sei nach acht Monaten um 47 Prozent übertroffen worden. Die dpa-Meldung (zfk.de) formuliert es als „rund zwei Drittel mehr Strom als im gesamten Vorjahr“. Welche Bezugsgröße genau gemeint ist, geht aus den uns vorliegenden Texten nicht eindeutig hervor; wir nennen deshalb beide Formulierungen. Absolute Werte für 2025 und die Zahl der Ladepunkte nennt der ecomento-Artikel nicht.
- EWE: Die Ladepunkte sind im Durchschnitt 30 Prozent stärker ausgelastet als im Vorjahr. EWE nennt als Gründe steigende E-Auto-Zulassungen und höhere Ölpreise.
- EnBW: Die Auslastung sei gering, weil es viele Lademöglichkeiten gebe; die Entwicklung bezeichnet EnBW als „generell sehr gut“. Konkrete Zahlen nennt das Unternehmen aus Wettbewerbsgründen nicht.
- E.ON: Die Nutzung der öffentlichen Ladeinfrastruktur nimmt zu, vor allem wegen der wachsenden Verbreitung von Elektroautos – ebenfalls ohne veröffentlichte Zahl.
- Aral (für BP): Die Auslastung der Schnellladesäulen steigt; als Ursache nennt das Unternehmen den Hochlauf der Elektromobilität mit deutlich mehr Neuzulassungen.
Als gemeinsame Treiber nennen die Betreiber steigende Neuzulassungen und höhere Kraftstoffpreise. Vattenfall hebt zusätzlich hervor, dass hohe und schwankende Kraftstoffpreise die Elektromobilität mit planbaren Kosten attraktiver machen. Der dpa-Text nennt allerdings keine konkreten Spritpreise; die Verbindung zwischen Preisniveau und Ladenachfrage ist die Einschätzung der Unternehmen, kein hier belegter Kausalnachweis.
Wie passen „12 Prozent“ und „+30 Prozent“ zusammen?
Die beiden Zahlen unterscheiden sich in drei Punkten, und erst alle drei zusammen erklären, warum es kein Widerspruch ist.
1. Absoluter Wert gegen relative Veränderung. Die 12 Prozent sind ein Niveau, die 30 Prozent bei EWE eine Veränderung gegenüber dem Vorjahr. Zur Veranschaulichung: Würde ein Betreiber mit einer Ausgangsbelegung von 12 Prozent um 30 Prozent zulegen, läge er bei 15,6 Prozent (12 × 1,3). Das ist ein reines Rechenbeispiel aus zwei genannten Zahlen – EWE hat seinen Ausgangswert nicht veröffentlicht, und die BDEW-Zahl gilt für alle Betreiber gemeinsam und nicht für EWE. Der Punkt: Ein starker relativer Zuwachs kann auf niedrigem Niveau stattfinden. Die Branchenpresse spricht entsprechend von einem Anstieg „von niedrigem Niveau“.
2. Gesamtnetz gegen einzelnen Betreiber. Der BDEW-Wert mittelt über das ganze Land, alle Betreiber, alle Standorte. Betreiberzahlen beziehen sich auf das jeweilige Netz. Zwischen beiden liegen ein stark wachsender Bestand (laut ecomento plus 16 Prozent Ladestationen und plus 26 Prozent Leistung binnen eines Jahres) und sehr unterschiedliche Standorte.
3. Energiemenge gegen Belegungsdauer. Vattenfalls Zahl misst geladene Energie. Mehr Energie kann durch mehr Ladevorgänge entstehen, durch höhere Ladeleistung pro Vorgang oder durch beides. Sie sagt nicht direkt, wie lange die Ladepunkte belegt waren. Die BDEW-Zahl misst dagegen die Belegung, nicht die Energie. Das sind verwandte, aber verschiedene Größen.
Schnelllader: einstellige Auslastung im Jahr 2025
auto motor und sport verweist auf Analysen aus dem Jahr 2025 (Automobilwoche und der Datendienstleister Elvah), nach denen Schnellladepunkte teils nur eine einstellige Auslastung in Prozent hatten. Das ist für die Betreiber relevant: Leistungsstarke Schnellladeinfrastruktur erfordert hohe Investitionen, und bei geringer Auslastung bleiben die Einnahmen begrenzt. Branchenbeobachter erwarten laut auto motor und sport deshalb eine Konsolidierung des Marktes, von der vor allem große Anbieter profitieren könnten. Das ist eine Erwartung, keine Tatsache; ob und wann sie eintritt, lässt sich aus den Quellen nicht ablesen.
Für Fahrer ist das ein indirekter Punkt. Wenn mehr Fahrzeuge die vorhandenen Schnelllader nutzen, steigt die Wirtschaftlichkeit der Standorte – ein Grund, warum Betreiber weiter ausbauen können. Gleichzeitig kann sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an einem beliebten Standort auf Wartezeit zu stoßen. Zu Wartezeiten und deren Verteilung über den Tag enthalten die ausgewerteten Quellen keine Daten; hier bleibt es bei einer logischen Einordnung, nicht bei einem Beleg.
Was der Durchschnitt verdeckt
Ein Jahresdurchschnitt über rund 200.000 Ladepunkte sagt wenig über den einzelnen Standort zu einer bestimmten Uhrzeit. Das ist eine Einordnung auf Basis der Definition, nicht eine Aussage der Quellen: Wenn im Mittel nur etwa jeder achte Ladepunkt belegt ist, schließt das nicht aus, dass einzelne Standorte zu Stoßzeiten voll sind und andere kaum genutzt werden. Wer auf der Autobahn bei Reisewellen lädt, erlebt etwas anderes als jemand, der nachts in einem Wohngebiet an einer AC-Säule lädt. Eine niedrige Durchschnittsbelegung ist also keine Garantie, dass es „vor Ort frei“ ist.
Was dir im Alltag tatsächlich hilft, ist aktuelle Information zur Säule, die du ansteuerst. Wie weit Live-Daten heute verfügbar sind und wo ihre Grenzen liegen, haben wir im Artikel zum Live-Status von Ladesäulen beschrieben; die Reisetipps im Beitrag E-Auto-Roadtrip helfen bei der Planung mit Reserve.
Was du daraus praktisch ableiten kannst
1. Plane mit Alternativen. Auch wenn die Durchschnittsbelegung niedrig ist: Wähle bei längeren Fahrten einen zweiten Ladepunkt in der Nähe als Rückfall, besonders an stark frequentierten Autobahnabschnitten. Das ist eine Empfehlung der Vorsicht, die ohne Zahlen auskommt.
2. Ein belegter Ladepunkt ist nicht automatisch ein defekter – und umgekehrt. „Belegt“, „frei“ und „außer Betrieb“ sind verschiedene Zustände. Eine hohe Auslastung bedeutet nicht, dass alles funktioniert, und eine niedrige nicht, dass alle Säulen laufen.
3. Mach Platz, wenn du fertig bist. Steigt die Nutzung, wird Rücksicht wichtiger. Siehe Lade-Etikette und, zu den Kosten des Stehenbleibens, Blockiergebühr an der Ladesäule.
4. Preise vergleichen lohnt weiter. Die Auslastungsmeldungen sagen nichts über den Preis pro Kilowattstunde aus. Welche Preise tatsächlich gezahlt werden, kann von den Listenpreisen abweichen (Community-Preise vs. Listenpreise).
Grenzen der Datenlage
- Die BDEW-Zahl (12 %) bezieht sich auf 2025; für 2026 liegt in den ausgewerteten Quellen kein bundesweiter Auslastungswert vor.
- Betreiberangaben sind Selbstauskünfte, meist relativ und ohne Basiswerte; EnBW und E.ON nennen keine Zahlen.
- Es gibt keine in den Quellen belegte Aufschlüsselung nach AC/DC, Region oder Tageszeit.
- Die genannten Gründe (Neuzulassungen, Kraftstoffpreise) sind Einschätzungen der Betreiber, keine geprüften Ursachenanalysen.
Wie Elunio dabei helfen kann – und wo die Grenzen liegen
Elunio zeigt Ladestationen auf Karte und Liste, filtert nach Leistung und Preis und blendet Preise ein, die andere Fahrer an einer Station gemeldet haben. Die Live-Abdeckung ist in Baden-Württemberg und dem DACH-Raum am besten, anderswo stützt sich die App stärker auf Community-Meldungen und frei verfügbare Daten. Was Elunio nicht leistet: Die App zeigt keine Auslastungsstatistik pro Standort und kann nicht garantieren, dass eine Säule bei Ankunft frei ist.
Häufig gestellte Fragen
Wie hoch ist die Auslastung öffentlicher Ladepunkte in Deutschland?
Laut BDEW-Elektromobilitätsmonitor waren 2025 im Schnitt rund 12 Prozent der öffentlichen Ladepunkte zeitgleich belegt. Einen bundesweiten Wert für 2026 nennen die ausgewerteten Quellen nicht.
Steigt die Auslastung 2026?
Mehrere Betreiber melden das: Vattenfall rund 65 Prozent mehr geladene Energie seit Jahresbeginn, EWE im Schnitt 30 Prozent höhere Auslastung gegenüber dem Vorjahr, Aral und E.ON ohne Zahlen. Das sind Selbstauskünfte.
Ist es heute schwerer, eine freie Säule zu finden?
Dazu liefern die Quellen keine Daten. Bei einer Durchschnittsbelegung von rund 12 Prozent (2025) sind die meisten Ladepunkte zu einem beliebigen Zeitpunkt frei, einzelne Standorte können zu Spitzenzeiten dennoch voll sein.
Warum ist niedrige Auslastung ein Problem?
Für Betreiber: Schnellladeinfrastruktur erfordert hohe Investitionen, und bei geringer Auslastung sind die Einnahmen begrenzt (auto motor und sport). Für Fahrer bedeutet sie zunächst gute Chancen auf freie Säulen.
Was ist der Unterschied zwischen Ladesäule und Ladepunkt?
Eine Säule kann mehrere Ladepunkte haben; an einem Ladepunkt lädt jeweils nur ein Fahrzeug.
Fazit
Die Ladeinfrastruktur in Deutschland ist laut BDEW dem Fahrzeughochlauf vorausgelaufen: 2025 war im Schnitt nur etwa jeder achte öffentliche Ladepunkt gleichzeitig belegt. 2026 melden Betreiber spürbar steigende Nutzung, meist ohne Basiswerte. Beides passt zusammen, weil Niveau, Veränderung und Messgröße verschieden sind. Für dich heißt das: Meist gibt es Platz, aber der Durchschnitt garantiert nichts für den einzelnen Standort – plane mit Reserve und prüfe aktuelle Informationen zur Säule.
Quellen: ecomento.de – „Auslastung von Ladesäulen in Deutschland steigt deutlich an“ (01.10.2026), ecomento.de · ecomento.de – „Vattenfall InCharge meldet Rekordauslastung bei Ladepunkten“ (29.09.2026), ecomento.de · zfk.de (Deutsche Presse-Agentur) – „Spritpreise: E-Autos, Nachfrage, öffentliche Ladesäulen“ (30.09.2026), zfk.de · auto motor und sport – „Ladeinfrastruktur in Deutschland: Die Auslastung liegt bei nur 12 Prozent“ (BDEW-Elektromobilitätsmonitor), auto-motor-und-sport.de.